Tränende Augen: Warum oft trockene Augen dahinterstecken

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Das Wichtigste in Kürze

  • Selten zu viele Tränen: Tränende Augen bedeuten meist, dass der Tränenfilm gestört ist oder der Abfluss nicht funktioniert.
  • Häufigste Ursache: Ein trockenes Auge reizt die Oberfläche, das Auge antwortet mit dünnen Reflextränen, die über die Wange laufen.
  • Zweithäufigste Ursache: eine Lidfehlstellung, vor allem das nach außen gekippte Unterlid im höheren Lebensalter.
  • Seltener, aber wichtig: ein behinderter Tränenabfluss, erkennbar an einem stehenden Tränensee und manchmal an eitrigem Sekret.
  • Erst die Untersuchung, dann der Tropfen: Welcher der drei Mechanismen vorliegt, entscheidet über die gesamte Behandlung.

„Meine Augen tränen ständig, aber trockene Augen habe ich sicher nicht." Diesen Satz höre ich in meiner Sprechstunde fast jede Woche. Und fast jedes Mal stellt sich heraus: Genau darum geht es. Denn ein tränendes Auge ist nur selten ein Auge mit zu viel Tränenflüssigkeit.

Der Fachbegriff für das ständige Tränen lautet Epiphora. Er beschreibt nur das Symptom, nicht die Ursache, und die kann an drei ganz unterschiedlichen Stellen liegen. Welche es ist, lässt sich nicht erraten, sondern nur untersuchen. Dafür lohnt ein Blick darauf, welchen Weg eine Träne überhaupt nimmt.

Der Weg der Träne: Produktion und Abfluss

Die Tränendrüse liegt oben außen unter dem Lidrand und produziert die wässrige Grundlage des Tränenfilms. Mit jedem Lidschlag wird diese Flüssigkeit über die Augenoberfläche verteilt. Abtransportiert wird sie über die beiden Tränenpünktchen, kleine Öffnungen am inneren Lidwinkel zur Nase hin.

Von dort läuft die Träne über die Tränenkanälchen und den Tränensack in die Nase. Deshalb läuft die Nase, wenn man weint. Aus diesem Weg ergeben sich die beiden Grundmechanismen: Entweder wird zu viel Flüssigkeit produziert, weil das Auge gereizt ist, oder es fließt zu wenig ab, weil die Ableitung nicht funktioniert.

Der Weg der Tränenflüssigkeit Tränendrüse Produktion Verteilung beim Lidschlag Tränenpünktchen nehmen die Träne auf Tränensack, dann Nase deshalb läuft beim Weinen die Nase

Die drei häufigsten Ursachen für tränende Augen

In der Sprechstunde lässt sich fast jedes tränende Auge einer von drei Gruppen zuordnen. Die Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil sich die Behandlung von Gruppe zu Gruppe grundlegend unterscheidet.

UrsacheTypische HinweiseWie häufig
Paradoxes Tränen bei trockenem AugeBrennen, Fremdkörpergefühl, abends schlimmer, beide Augen, tränt besonders bei Wind, Kälte und am Bildschirmhäufigste Ursache
Lidfehlstellunghöheres Lebensalter, Unterlid steht sichtbar ab, gerötete Lidinnenseite, oft einseitighäufig
Gestörter Tränenabflussstehender Tränensee am Lidrand, Schwellung im inneren Lidwinkel, eitriges Sekret auf Druck, oft einseitigseltener, aber wichtig

Das paradoxe Tränen bei trockenem Auge

Das klingt widersprüchlich, ist aber gut erklärbar. Der Tränenfilm braucht eine äußere Fettschicht, die von den Meibom-Drüsen im Lidrand gebildet wird. Sie verhindert, dass die wässrige Schicht darunter verdunstet. Ist diese Fettschicht gestört, reißt der Tränenfilm zu früh auf, die Augenoberfläche wird gereizt, und die Tränendrüse antwortet mit einem Schwall dünnflüssiger Reflextränen.

Diese Reflextränen stabilisieren den Tränenfilm nicht. Sie laufen über den Lidrand ab. Das Auge ist also gleichzeitig nass und trocken: Wasser ist genug da, es wird nur nicht gehalten. Wenn ich bei tränenden Augen eine Tränenfilmanalyse durchführe, kommt sehr häufig genau das heraus, ein trockenes Auge mit gestörter Lipidphase. Typischerweise ist dann die Aufrisszeit des Tränenfilms auffällig kurz und die Meibom-Drüsen arbeiten nicht gut. Wie das zusammenhängt, steht ausführlich im Beitrag zur Lidrandentzündung.

„Die Patienten glauben immer, es ist ja genug Wasser auf dem Auge. Und es ist auch genügend Wasser da, weil die Tränendrüse Wasser produziert. Aber dieses Wasser wird nicht auf dem Auge gehalten, weil nicht genügend Lipide da sind."

Dr. med. Christine Heun, Fachärztin für Augenheilkunde

Die Lidfehlstellung: ein gekipptes Unterlid

Mit den Jahren erschlafft das Gewebe, auch am Lid. Kippt das Unterlid dabei nach außen, spricht man von einem Ektropium. Das hat eine sehr praktische Folge: Das Tränenpünktchen sitzt am inneren Lidwinkel und muss der Augenoberfläche anliegen, um Flüssigkeit aufzunehmen. Steht das Lid ab, taucht das Pünktchen nicht mehr ein, und die Träne läuft außen über, statt innen abzufließen.

Das Gegenstück ist das nach innen gerollte Lid, bei dem die Wimpern auf der Augenoberfläche schleifen und zusätzlich reizen. Beides sieht man an der Spaltlampe sofort. Deshalb steht am Anfang immer der Blick auf das Lid, noch vor jeder Messung.

Augenpartie einer älteren Frau mit erschlafftem Unterlid

Der gestörte Tränenabfluss

Die dritte Möglichkeit ist eine Störung im Ableitungssystem selbst: eine Engstelle, eine Entzündung, in ausgeprägten Fällen ein Abszess im Bereich des Tränensacks. Typische Hinweise sind ein sichtbar stehender Tränensee am Lidrand und Sekret, das sich auf Druck über dem inneren Lidwinkel entleert, manchmal eitrig.

Ein Detail aus der Sprechstunde hilft oft weiter: Weil der Tränenweg in die Nase mündet, berichten Betroffene mit Abflussproblemen häufig zusätzlich über Beschwerden im HNO-Bereich. Danach frage ich in der Anamnese gezielt.

Wichtig zur Einordnung: Liegt die Ursache tatsächlich im Abfluss, ist das keine Sache für unsere Praxis. Solche Eingriffe werden heute überwiegend endoskopisch durchgeführt, und das bietet nicht jede Augenklinik an. In diesem Fall überweise ich gezielt an eine qualifizierte Klinik weiter und bespreche vorher offen, worauf es dabei ankommt.

Ein Auge oder beide Augen?

Eine erste Orientierung gibt die Frage, ob ein Auge oder beide tränen. Tränen beide Augen, spricht das eher für einen gestörten Tränenfilm: trockenes Auge, Meibom-Drüsen-Dysfunktion, Lidrandentzündung, eine Allergie oder schlicht die Belastung durch Bildschirmarbeit, Klimaanlage und Heizungsluft.

Tränt dagegen nur ein Auge, liegt die Ursache häufiger örtlich: eine Lidfehlstellung, ein verengter oder entzündeter Tränenweg, ein Fremdkörper oder eine einseitige Reizung. Wenn ein Auge über Wochen einseitig tränt, sollte es untersucht werden. Diese Aufteilung ist eine Orientierung und keine Diagnose, denn Mischformen sind häufig.

Was bei der Untersuchung passiert

Am Anfang steht die Anamnese: seit wann, ein Auge oder beide, wann am schlimmsten, welche Präparate schon verwendet wurden und ob Beschwerden im HNO-Bereich bestehen. Danach schaue ich mir das Auge an der Spaltlampe an, und zwar zuerst das Lid: Lidstellung, Lidkante, Tränenpünktchen, Tränensee, Bindehaut und Hornhaut.

Steckt ein verkipptes Lid dahinter, ist die Frage damit schon beantwortet, dann braucht es gar keine Tränenfilmanalyse. Besteht dagegen der Verdacht auf einen gestörten Tränenfilm, messe ich, wie lange der Film stabil bleibt, wie die Fettschicht aussieht und wie die Meibom-Drüsen arbeiten. Bei Hinweisen auf eine Abflussstörung wird zusätzlich der Bereich über dem Tränensack beurteilt.

Patientin bei der Untersuchung an der Spaltlampe in der Augenarztpraxis

Was aus dem Befund folgt

Zeigt sich eine gestörte Fettschicht, steht die tägliche Lidpflege mit Wärme, Ausstreichen und Reinigung im Mittelpunkt, ergänzt um ein passendes Tränenersatzmittel. Bei entsprechendem Befund kommt in unserer Sicca-Sprechstunde in Siegen zusätzlich eine Lichtbehandlung infrage. Fehlt dagegen Wasser und nicht Fett, sind andere Substanzen und andere Maßnahmen sinnvoll, eine Lichtbehandlung bringt hier nichts.

Liegt eine Lidfehlstellung vor, ordnen wir sie augenärztlich ein und stellen Sie je nach Ausprägung in einer lidchirurgisch tätigen Einrichtung vor. Und zeigt sich eine Abflussstörung, führt der Weg über eine gezielte Überweisung an eine Klinik, in der endoskopisch operiert wird.

Ablauf der Lichtbehandlung bei Meibom-Drüsen-Störung

Die Behandlung kombiniert eine IPL-Anwendung, also gepulstes polychromatisches Licht zur Stimulation der Meibom-Drüsen, mit einer Low-Level-Light-Therapie, die den Lipidfluss anregen soll. Der Ablauf ist in jeder Sitzung gleich.

  1. AufklärungVor der ersten Sitzung erkläre ich die Funktionsweise des Geräts und ob das Verfahren bei Ihrem Befund überhaupt sinnvoll ist.
  2. Behandlung am UnterlidEs werden fünf Lichtimpulse am unteren Lid gesetzt. Die Anwendung ist nicht schmerzhaft.
  3. WärmemaskeIm Anschluss kommt eine Wärmemaske auf die geschlossenen Augen. Die meisten empfinden diesen Teil als angenehm.
  4. Mehrere SitzungenIn der Regel sind mindestens drei Sitzungen nötig, häufig sind vier sinnvoll. Wie lange der Effekt anhält, ist individuell verschieden.

Sind die Drüsen sehr stark verstopft, können sie zusätzlich mit einem speziellen Instrument vorsichtig ausgedrückt werden. Ob das sinnvoll ist, entscheidet der Befund. Diese Leistungen sind keine Kassenleistung, Umfang und Kosten besprechen wir vorab im Termin.

Der häufigste Fehler: Tropfen auf Verdacht

Der Fehler, den ich am häufigsten sehe, ist in der Apotheke gekauft: viele verschiedene Präparate, ausprobiert, ohne zu wissen, welche Form des trockenen Auges überhaupt vorliegt. Ein reines Hyaluronsäure-Präparat ersetzt Feuchtigkeit. Bei einer Meibom-Drüsen-Dysfunktion fehlt aber das Fett, und dann kann es kaum helfen.

Weil Tränenersatzmittel dauerhaft selbst bezahlt werden und über die Jahre erhebliche Summen zusammenkommen, lohnt sich die Reihenfolge: erst die Analyse, dann die Entscheidung, welches Präparat überhaupt passt.

Anwendung von Augentropfen bei tränenden Augen in Nahaufnahme

Wann Sie zum Augenarzt sollten

Ein gelegentlich tränendes Auge bei Wind oder Kälte ist harmlos. Untersuchen lassen sollten Sie ein Auge, das über Wochen einseitig tränt, ebenso eine schmerzhafte Schwellung oder Rötung im inneren Lidwinkel und eitriges Sekret, das sich auf Druck entleert. Auch ein Unterlid, das sichtbar absteht oder nach innen rollt, gehört beurteilt, weil sich daraus mit der Zeit eine dauerhafte Reizung der Hornhaut entwickeln kann.

Kurzfristig abklären lassen sollten Sie tränende Augen, die zusammen mit Schmerzen, Lichtempfindlichkeit oder schlechterem Sehen auftreten. Dann steht nicht der Tränenfilm im Vordergrund, sondern die Frage, was das Auge sonst reizt.

Tränende Augen abklären lassen in Siegen

Wir schauen uns Lidstellung, Tränenfilm und Abfluss an und ordnen ein, welcher der drei Mechanismen bei Ihnen dahintersteckt.

Häufige Fragen zu tränenden Augen

Was hilft sofort gegen tränende Augen?

Kurzfristig hilft, die Reizung zu senken: Bildschirmpausen mit bewusstem, vollständigem Blinzeln, weniger direkte Zugluft von Klimaanlage oder Gebläse, im Winter ausreichende Luftfeuchtigkeit. Wärme auf den geschlossenen Lidern kann die Meibom-Drüsen entlasten. Das sind Maßnahmen für den Moment, die Ursache ersetzen sie nicht.

Was ist die Ursache für ständig tränende Augen?

Am häufigsten ein gestörter Tränenfilm, der die Augenoberfläche reizt und Reflextränen auslöst. Daneben kommen Lidfehlstellungen und Abflussstörungen infrage, seltener Allergien, Fremdkörper oder Infektionen. Welche Ursache vorliegt, zeigt die Untersuchung an der Spaltlampe und, wenn nötig, die Tränenfilmanalyse.

Warum tränen die Augen im Alter?

Dafür gibt es zwei Gründe, die oft zusammenkommen. Zum einen verändert sich der Tränenfilm mit den Jahren, die Meibom-Drüsen arbeiten schlechter. Zum anderen erschlafft das Lidgewebe: Kippt das Unterlid nach außen, liegt das Tränenpünktchen nicht mehr an und kann die Flüssigkeit nicht mehr aufnehmen.

Ist ein tränendes Auge gefährlich?

In den meisten Fällen nicht, es ist vor allem lästig. Aufmerksam werden sollten Sie bei einseitigem Tränen über Wochen, bei einer schmerzhaften Schwellung im inneren Lidwinkel, bei eitrigem Sekret sowie bei Tränen zusammen mit Schmerzen, Lichtscheu oder Sehverschlechterung. Dann gehört das Auge zeitnah untersucht.

Kann ein trockenes Auge wirklich tränen?

Ja, und das ist sogar der häufigste Fall. Weil die Fettschicht des Tränenfilms fehlt, verdunstet die wässrige Schicht zu schnell, die Oberfläche wird gereizt, und das Auge produziert Reflextränen, die nicht halten. Dieses paradoxe Tränen ist ein typisches Zeichen einer Meibom-Drüsen-Störung.

Welche Augentropfen sind bei tränenden Augen sinnvoll?

Das hängt davon ab, welcher Anteil des Tränenfilms fehlt. Fehlt Fett, brauchen Sie ein anderes Präparat als bei fehlendem Wasser, und bei einer Abflussstörung helfen Tropfen ohnehin nicht an der Ursache. Deshalb steht die Analyse vor dem Kauf, nicht danach.

Bild von Dr. med. Christine Heun
Dr. med. Christine Heun

Fachärztin für Augenheilkunde

Dr. med. Christine Heun ist Fachärztin für Augenheilkunde und leitet die Praxis IRISIOvital in Siegen, wo sie moderne Augenmedizin mit ganzheitlicher, empathischer Betreuung verbindet.